Saturday, August 1, 2015

Das Geschenk des Lebens - Hörbuch - 1. Vorwort - Jafeth Mariani



Ich hab mich - wie du - oft gefragt, warum musste ich, ob ich wollte oder nicht, durch so viel Schmerz und Leid gehen? Warum musste ich so viele Missverständnisse, Streitigkeiten und Konflikte erleben? Ich bin manchmal durch die Straßen gelaufen oder saß in der Bahn mit dem Gefühl, etwas in mir zerreißt mich. Eine tiefe Leere, ein unendliches, irreparables Gefühl der Machtlosigkeit. Zu Hause hab ich mich auf das Sofa geschmissen und konnte mich kaum aus einer Position in die andere bewegen, fiel in eine Art komatösen Schlaf um zu vergessen, oder ich war so unruhig, dass ich hin und her lief, betete, weinte, schrie, vollkommen hysterisch.
An sich war ich ein ganz normales Kind, das einfach nur spielen wollte, als sich meine Eltern getrennt haben. Wenn ich recht überlege, habe ich auch dann noch versucht weiter zu spielen. Also das zu sein, was ich sein möchte in meinem Leben. Doch um mich herum war es wie in einem Krieg: nichts stand fest, nichts war sicher, nichts war mehr von Dauer.
Beziehungen, die auseinander gingen, Wohnungen, die ich verlassen musste, Menschen, die mich betrogen und enttäuschten... und Menschen, die ich betrog und enttäuschte.
Bis in mein Teenageralter machte mich das ganze Leid zum Teil in einer gewissen Art und Weise „stark“. Ich weiß ganz genau, dass der Schmerz das Licht in meinen Augen war, das mir eine gewisse Ausstrahlung gab. Dadurch bekam ich Freundschaften… und hatte auch ziemlichen Erfolg bei den Mädchen.
„Du hast so wunderschöne traurige Augen“, sagten sie mir. Ich dachte also, irgendetwas sei ok an dem, an mein Schmerz….an dem, was ich erlebe. Es macht mich besonders.
Ich kann immer noch spüren, wie ich mit meinem Schmerz in die Universität lief - mit einem gewissen Stolz, irgendwie „anders“ zu sein. Ich spürte förmlich die Blicke, ich hatte Chancen, ich kam an. Ich strahlte wahrscheinlich den Charme eines Menschen aus, der durch eine ganz eigene, persönliche kleine Hölle gegangen war. Ein Mensch, der auf einer Insel gestrandet war und gelernt hatte, mit wenigen Mitteln ein Feuer zu machen.
Ein Mensch, der mit sehr wenig Licht einen Tunnel erhellen kann... sagte man mir. Aber in mir war es immernoch dunkel.
Je älter ich wurde, desto mehr wurde mir klar: Solange ich allein war und irgendwo ankam, „strahlte“ ich dieses ETWAS aus und alles war gut. Man suchte mich, man wollte mich, man bewunderte mich und etwas schien sich aufzubauen... Aber sofort, wenn ich dann versucht habe in eine „normale“ Beziehung zu gehen, etwas aufzubauen,... wenn ich versucht habe, meine „Familie“ nachzubauen, die bei meinen Eltern nicht geklappt hatte, egal welche Versprechungen ich mir gab, nach einer Weile fing „der Krieg“ wieder an: Wände bröselten, Sicherheiten verdampften, und ich blieb mit nichts in der Hand zurück und musste nochmal von vorne anfangen. Weil die, die länger mit mir zusammen waren spürten, dass der Schmerz tief in mir saß. Diese Fassade des „Andersdenkenden“, des „Einfühlsamen“, des „Guten“  zeigte einen Riss. Und die Menschen um mich herum wurden unsicher und liefen davor weg.
Das, und die Tatsache dass ich älter werde, machten mich langsam aber sicher traurig und ich hatte das Gefühl, immer tiefer zu sinken.
Bis zu dem Tag, an dem ich entschied, diesen Wahnsinn zu stoppen, bevor es zu spät ist.


Ich weiß noch genau, an welchem Tag es war. Nach 45 Jahren dieser Achterbahn, nach einer erneuten Trennung, stand ich vor der Entscheidung, alles fallen zu lassen. Oder anders zu leben. Aber wie?
Ich lief verzweifelt zur Haltestelle und ich war zu spät dran, die Bahn war weg und ich saß da und wusste: “Das ist es also, du bist am Ende. Setze ein Ende... so macht das Leben echt keinen Sinn mehr. Du hast nach 45 Jahren wieder alles verloren.”
Vor mir waren wunderschöne, hohe Bäume, die sich im Gegenlicht bewegten, und dahinter ein klarer, immens blauer Himmel. Und ich sagte mir: “Dieser Himmel war immer da, egal was ich erlebt habe. Genauso diese Bäume. Es hat sich an sich nichts geändert. Egal wie sehr ich versucht habe, Dinge und Situationen zu verändern, zu kontrollieren: Bäume und Himmel waren vor mir da und werden wahrscheinlich auch nach mir noch da sein.”
Das beschäftigte mich, ich fragte mich: Ist sich das Leben zu nehmen nicht wieder ein verzweifelter Versuch die Kontrolle zu haben? Wie wäre es, wenn ich mal NICHT versuchen würde, zu kontrollieren....? Aber wenn ich nichts kontrollieren kann, wie kann ich was im Leben bewegen, etwas ändern?
Ich konnte mir keine klare Antwort geben, aber ich hatte plötzlich das Gefühl: ich bin an etwas dran, das mir extrem helfen wird.
Dann kam die Bahn und ich stieg wie ein Roboter ein, und hatte ein Buch dabei. Ich ging irgendwohin, mit meinem Buch und kaum Hoffnung.
Doch das Buch half mir.
Also habe ich weiter nach Hilfe gesucht, weitere Bücher gelesen und Filme geschaut, bin von Seminar zu Seminar gelaufen, habe Menschen getroffen und viel gelernt...
....aber die Antwort hatte ich noch immer nicht.
Ich landete oft an dieser Haltestelle, fast täglich. Es ging mir besser, doch immer noch suchte ich nach der tiefsten Erkenntnis hinter diesem Bild vom Himmel und Bäumen.
Ich schaute sie mir an, minutenlang, tagelang.
Ich schaute, wie sich die Blätter im Wind bewegten. Ich schaute auf den unklaren Weg, der zwischen den Bäumen zu sehen war, ich schaute auf die Erde, die Äste, die Wurzeln, die Wolken, den Himmel. Ich schaute und schaute und kam auf keine Lösung, aber je mehr ich schaute, desto besser ging es mir. Ich fing an, dieses Bild zu lieben. Etwas so Unbedeutendes und gleichzeitig so Einfaches. Und trotzdem so wohltuend. Ich hatte kaum so eine Quelle der Ruhe und Liebe in allen meinen Büchern und Seminaren gefunden. Ich hatte das Gefühl, ich stehe da und bin gleichwertig mit diesem Himmel, mit diesen Bäumen. Wie zwei Tiere, die sich anschauen und beschnuppern. Ich schaute zu und hatte das Gefühl, das „etwas“ auf mich herabsah, ohne mich zu bewerten. Ich war willkommen, ich war geliebt. Es traf mich eine Form der Liebe, die leiser aber intensiver war als ich es von Menschen und Tieren kannte.
Allmählich hatte ich angefangen mich wirklich zu lieben und zu verstehen, dass das, was ich hinter der Fassade ausstrahlte, tief, gut, ehrlich und wahr war. Es war genauso wahr, wie das was diese Bäume und Himmel ausstrahlten. Also ging ich tief zurück zur Quelle der Ausstrahlung, und fand irgendwann das GESCHENK.
Ich war gerettet.
Einige Monate später entschied ich mich, dieses GESCHENK zurück zu geben, als Zeichen der Dankbarkeit für alle, die es immernoch suchen.


So ist dieses Buch entstanden.

​Was ich dabei gelernt habe, welche Wege man gehen kann und wie man die verschiedenen Dämonen, die man dabei trifft erzieht, erzähle ich dir in diesem Buch mit vielen kleinen praktischen Übungen, damit du auch dein GESCHENK für dich selbst “zurückerobern” kannst, und damit du wieder siehst, wie sehr das Leben es doch noch wert ist, und dich jeden Tag beschenkt.

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